2026

Tourismus. Seit 40 Jahren nichts gelernt?

25. September bis 26. September 2026

Worum geht es?

Im Jahr 1985 wurden die Toblacher Gespräche von Hans Glauber begründet. Das erste Thema der Toblacher Gespräche, vor etwas mehr als 40 Jahren, ist auch heute noch brandaktuell: „Für einen anderen Tourismus – am Beispiel des Bergtourismus". Der Austragungsort Toblach sowie die gesamte Provinz Südtirol sind vom Tourismus stark geprägt, und erst vor wenigen Jahren bestätigte eine Studie der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung): Südtirol leidet am Übertourismus. Wir sind an dem Punkt angelangt, an dem dieses Urteil selbst von einer gewichtigen internationalen Wirtschaftsinstitution kommt.

Die Balance zwischen ökonomischen Interessen einerseits und sozialen sowie ökologischen Interessen andererseits ist in Südtirol, aber auch in vielen anderen Orten Europas und der Welt, die von Massentourismus geplagt sind, noch nicht erreicht. Nicht nur im Jahr 1985, sondern auch 2015 widmeten sich die Toblacher Gespräche der Frage, wie eine Balance erreicht werden kann. Hat also nichts verfangen? Warum sehen wir uns so viele Jahre später immer noch mit denselben Fragen und Herausforderungen konfrontiert? Zudem mit noch höherer Dringlichkeit?

- Archiv der Toblacher Gespräche 1985

- Archiv der Toblacher Gespräche 2015

Vortrag

Problemfeld Overtourism: Self-fullfilling oder self-defeating prophecy?

Ulrike Kindl. Problemfeld Overtourism: Self-fullfilling oder self-defeating prophecy?

Seit Beginn der Toblacher Gespräche im Jahr 1985 steht der Tourismus in Südtirol im Zentrum kritischer Debatten. Einerseits steht die Bedeutung der Tourismus-Industrie als Motor für Wirtschaftswachstum und Schöpfung von breitem Wohlstand außer Frage, andererseits wird der zunehmende Verbrauch von nicht erneuerbaren Gütern wie Landschaft und natürlichen Ressourcen (Wasser, intakte Natur) immer fragwürdiger. Seit Jahren wird vor Overtourism gewarnt, seit Jahren zeigt die Entwicklung unbeirrt weiter nach oben, zuletzt beschleunigt von Influencertum auf Social Media: Läuft der Tourismus im Sinn einer Self-fullfilling prophecy auf einen irreversiblen Kipp-Punkt zu, oder können drohende Exzesse durch kluge Information rechtzeitig eingehegt werden?


Soziologische Studien (Robert K. Merton) trauen den Mechanismen der Self-fullfilling versus Self-defeating prophecy die nötige Regulierungskraft zu; doch die narratologische Wurzel des Begriffs im Mythos (D.L. Sayers) stellt die Frage anders: Hat der Mensch angesichts einer schicksalhaften Vorhersage überhaupt die nötigen Handlungsspielräume? Wie verhält sich Freiheit zum Fatum? 


Das Muster des Ödipus-Topos lässt dem Individuum keine Chance; die Erzählung der Odyssee bringt hingegen den Faktor Fortuna ins Spiel, als blinden Zufall oder aber als kluge List, die dem Helden entgegen der Vorhersage und gegen alles Verhängnis die Heimkehr ermöglicht.


Es ist ein anderes Ithaka, das Odysseus nach langer Irrfahrt erreicht, und er muss mit den veränderten Verhältnissen erst wieder zurechtkommen: Er legt die Zukunft seiner Insel in die Hände der nächsten Generation, seines Sohnes und Nachfolgers Telemachos, bricht wieder auf und folgt seiner Bestimmung, Fatum und Fortuna. Das Leitmotiv der Odyssee ist die „Nostalgie“: Das Bild des Wanderns über die Meere auf der Suche nach dem sicheren Hafen ist eine der wirkmächtigsten Chiffren der abendländischen Kultur. 


Was aber, wenn die vertraute Heimat selbst verloren geht? 


An „Solastalgie“ (Glenn Albrecht) wäre der antike Held wohl verzweifelt: Ithaka ist kein Ort mehr, weder als Ziel, noch als Aufbruch zu neuen Ufern, Ithaka gibt es nicht mehr.

Greift nun im Wechselspiel mythologischer Muster wieder die Erzählung von Ödipus, der stets die Wahrheit will und ihr schicksalhaft zum Opfer fällt?

Das letzte Wort hat das Rätsel der Sphinx: Wer es löst, bricht die Härte des Fluchs. Der Preis der Rettung ist ambig: Self-fulling oder self-defeating prophecy?

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Vortrag

Den Bergtourismus neu denken: Grenzen, Umwelt und Gemeinschaft

Cristina Nadotti. Den Bergtourismus neu denken: Grenzen, Umwelt und Gemeinschaft.

In Berggebieten wird der Erfolg des Tourismus nach wie vor überwiegend anhand von Zahlen wie Ankünften und Übernachtungen gemessen. Mit meinem Beitrag möchte ich diesen Ansatz hinterfragen. Ausgangspunkt sollen die gastgebenden Orte und die dort lebenden Menschen sein, ihre Bedürfnisse und die Bedingungen vor Ort. Diese kleine kopernikanische Revolution rückt die Qualität und den Schutz der Berggebiete sowie das Wohlergehen ihrer Bevölkerung in den Vordergrund. Tourismus muss die ökologischen Grenzen der Bergökosysteme achten. Zugleich braucht es eine vielfältige lokale Wirtschaft, damit Regionen nicht allein von touristischen Dienstleistungen abhängig sind. Wie wichtig das ist, haben der Klimawandel und internationale Krisen in den vergangenen Jahren gezeigt. Bei der Tourismusplanung sollten deshalb Institutionen, Unternehmen, Bürgerinnen und weitere Akteur*innen vor Ort eng zusammenarbeiten. Ihr gemeinsames Ziel ist es, Umweltschutz, Lebensqualität und eine ausgewogene wirtschaftliche Entwicklung miteinander zu vereinbaren. Grenzen festzulegen heißt nicht, die Entwicklung einer Region zu verhindern oder wirtschaftlichen Rückgang zu fordern. Werden Grenzen und Prioritäten gemeinsam mit den Menschen vor Ort bestimmt, schaffen sie vielmehr die Grundlage für eine nachhaltige Entwicklung. Ein Tourismus, der ökologische und soziale Gegebenheiten berücksichtigt, Gemeinden einbezieht und eine vielfältigere Wirtschaft fördert, eröffnet auch Raum für neue Unternehmensformen, etwa Genossenschaften. So kann er zum Wohlstand der Bergregionen beitragen, ohne ihre natürlichen und sozialen Grundlagen aufzubrauchen.

Kurzer Impuls

Heimatlos in der Heimat - Solastalgie

Claudia Plaikner. Heimatlos in der Heimat - Solastalgie

Tourismus wirkt hinein in Landschaft und Raumplanung, Mobilität und Wohnen, Arbeitswelt und Wirtschaft, Klima, Kultur und Identität. Und letztlich berührt er eine grundlegende Frage: Wie wollen wir in diesem Land leben?


Für die Heimatpflege ist das eine zentrale Frage. Heimat ist für uns nichts Starres, Heimat verändert sich. Entscheidend ist aber, wie und wohin sie sich verändert, in welchem Tempo – und ob wir Südtirolerinnen und Südtiroler diese Veränderung noch als unsere eigene erleben und mitgestalten können.


Denn es gibt einen Punkt, an dem Veränderung als Verlust empfunden wird. Man kann am selben Ort wohnen bleiben und trotzdem das Gefühl bekommen, dass einem die vertraute Umgebung langsam fremd wird. Der australische Umweltphilosoph Glenn Albrecht hat dafür die wissenschaftliche Bezeichnung Solastalgie geprägt, die das belastende Gefühl von Verlust und Trauer meint, die entsteht, wenn Menschen die Zerstörung oder Veränderung ihrer vertrauten Umgebung direkt miterleben. Wenn eine Wiese verschwindet, die seit der Kindheit zum eigenen Lebensumfeld gehört, wenn Wohnungen zu Ferienwohnungen und Verkehr zum Dauerstress werden, Infrastrukturen übermäßig wachsen oder der Besuch im Gasthaus ohne Reservierung kaum mehr möglich ist. Dann verändert sich nicht nur das Erscheinungsbild eines Ortes. Dann geht Lebensraum verloren – und mit ihm ein Stück Zugehörigkeit.


Gerade in Südtirol, wo der Tourismus eine große wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung hat, müssen wir über diese Entwicklungen und darüber sprechen können, wo Grenzen erreicht oder überschritten sind.


Wir wissen, was der Tourismus Südtirol gebracht hat und bis heute bringt: Wohlstand, Arbeitsplätze, Entwicklungsmöglichkeiten, Begegnungen und Offenheit. Aber wirtschaftlicher Erfolg allein ist noch kein Maßstab für eine gute Entwicklung. Stetiges Wachstum hat auch einen Preis: für Landschaft und Boden, für Mobilität und Wohnen und für die Lebensqualität in besonders stark belasteten Orten.


Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie viel Tourismus verträgt ein Land – und welcher Tourismus ist langfristig mit einem lebenswerten Südtirol vereinbar?

Kurzer Impuls

Ist Tourismus das Erdöl Südtirols?

Andrea Beggio. Ist Tourismus das Erdöl Südtirols?

Der Beitrag bietet einen wirtschaftlichen und sozialen Überblick über den Tourismus in Südtirol, geht aber über traditionell verwendete Indikatoren wie Ankünfte, Übernachtungen und Umsatz hinaus. Die Analyse geht vom Begriff der Wertschöpfung aus, einer Kennzahl, die den neuen Wohlstand, den die Branche erzeugt, sichtbarer macht.


Es reicht jedoch nicht aus, den vom Tourismus erzeugten Wohlstand zu messen, wenn man sich nicht gleichzeitig fragt, wie dieser verteilt wird und wie viele bzw. welche sozialen Kosten dadurch entstehen. Insbesondere werden folgende Aspekte berücksichtigt: das Verhältnis zwischen Produktivität und Innovationsfähigkeit, das Lohnniveau, die mit der Saisonabhängigkeit verbundenen Kosten, die Auswirkungen auf Wohnungsmarkt und Mieten, der Druck auf die Infrastruktur und die öffentlichen Dienstleistungen, der Flächenverbrauch sowie weitere negative wirtschaftliche, ökologische und soziale Externalitäten.


Der Beitrag des Tourismus zur Entwicklung einer Region muss also in seiner Gesamtheit bewertet werden, nämlich unter gleichzeitiger Berücksichtigung von Wertschöpfung und negativen externen Folgen, und das soll die Grundlage für politische Entscheidungen sein, wenn man auch auf die Beschäftigten der Tourismusbranche, die Bevölkerung Südtirols und die empfindliche Umwelt dieser Region Rücksicht nehmen will. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, den Fokus von der Quantität des Tourismus auf dessen wirtschaftliche, soziale und räumliche Qualität zu verlagern.

Kurzer Impuls

„Wert statt Menge"

Wolfgang Töchterle. „Wert statt Menge"

Die globalen Tourismuszahlen werden weiter steigen. Südtirol kann davon profitieren oder darunter leiden – je nachdem, ob es Südtirol gelingt, in einem Dialog auf Augenhöhe mit der Bevölkerung und in enger Zusammenarbeit unter allen Beteiligten jene Entwicklungsrichtungen weiterzuverfolgen, die im Tourismusentwicklungsprogramm niedergeschrieben stehen und bereits aktiv forciert werden. Dabei setzt IDM Südtirol gemeinsam mit den touristischen Vertreter*innen und verwandten Branchen wie dem Handwerk, dem Handel oder der Kultur auf die passenden Gäste, welche die Wertehaltung der Südtiroler teilen, längere Aufenthalte bevorzugen und weniger Druck auf die Hochsaison ausüben. Dazu kommen Besucherlenkung in sensiblen Gebieten, die Erhöhung der Bahnanreise, eine engere Verbindung von Landwirtschaft und Gastronomie und der intensive Dialog mit der Bevölkerung, der ab dem kommenden Jahr 2027 fest auf dem Programm steht. Der Leitgedanke: Mehr Wert pro Gast, mehr Nutzen pro Einheimischem.

Fishbowl

Fishbowl Diskussion

Referenten und Referentinnen

Stephanie Völser

Stephanie Völser ist Direktorin der Eggental Tourismus Genossenschaft. Seit Jänner 2024 verantwortet sie die strategische Weiterentwicklung der Dolomitenregion Eggental. Dabei beschäftigt sie sich besonders mit der Frage, wie Tourismus, Lebensraum und Nachhaltigkeit miteinander in Einklang gebracht werden können.


Zuvor arbeitete sie als Marketing Managerin im Hotel La Perla in Corvara sowie als Executive Assistant und Verantwortliche für die Öffentlichkeitsarbeit am Hauptsitz der Oberalp Group. Ihre Ausbildung in Marketing und Brand Management absolvierte sie am Istituto Europeo di Design in Mailand.


Stephanie Völser engagiert sich außerdem ehrenamtlich beim Verein Dormizil EO in Bozen und ist Mitglied der lokalen Regionalgruppe der Gemeinwohl-Ökonomie.



Thomas Aichner

Nach dem Studium von Wirtschaft und Publizistik in Verona und Salzburg begann er seine berufliche Laufbahn bei Athesia, Südtirol Marketing und der Marketinggesellschaft Meran, deren Direktion er 2006 übernahm. Es folgten verschiedene Verwaltungsratsmandate und Führungsfunktionen bei IDM Südtirol und der Bergsportmarke Salewa. 2025 gründete er sein eigenes Unternehmen, um seine Erfahrung in Marketing, Tourismus und Unternehmensführung gezielt einzubringen.



Werner Putzer

Werner Putzer sammelte nach seinem Studium Erfahrung als Direktor in einem der führenden Resorts der Dolomiten. Seit 2007 führt er zusammen mit seiner Familie das ADLER Carezza, das seit beinahe 200 Jahren in Familienbesitz ist – und die Freude an der Gastlichkeit hat in der Familie eine noch viel längere Tradition. Die Kombination aus langjähriger Branchenerfahrung und diesem familiären Erbe gibt ihm einen einzigartigen Einblick, wie sich der Tourismus in den Dolomiten über Generationen hinweg entwickelt und die Bergregion geprägt hat. Früh setzte er auf erneuerbare Energien und nachhaltiges Wirtschaften – ausgezeichnet mit dem TripAdvisor Green Leaders Platinum-Status.


Als Natur-Hobbyfotograf ist er zudem aktives Mitglied und Freiwilliger bei Italia Nostra und Mountain Wilderness, wo er an Auseinandersetzungen gegen die rücksichtslose Erschließung von Naturflächen teilnimmt. Weiters ist er Natur- und Landschaftsführer mit Wissen zur geologischen Entstehung der Dolomiten.


Er bringt damit eine seltene doppelte Perspektive mit: ein Hotelier mit langer Familientradition, der zugleich jene Landschaften verteidigt, von denen der Tourismus lebt.