Seit Beginn der Toblacher Gespräche im Jahr 1985 steht der Tourismus in Südtirol im Zentrum kritischer Debatten. Einerseits steht die Bedeutung der Tourismus-Industrie als Motor für Wirtschaftswachstum und Schöpfung von breitem Wohlstand außer Frage, andererseits wird der zunehmende Verbrauch von nicht erneuerbaren Gütern wie Landschaft und natürlichen Ressourcen (Wasser, intakte Natur) immer fragwürdiger. Seit Jahren wird vor Overtourism gewarnt, seit Jahren zeigt die Entwicklung unbeirrt weiter nach oben, zuletzt beschleunigt von Influencertum auf Social Media: Läuft der Tourismus im Sinn einer Self-fullfilling prophecy auf einen irreversiblen Kipp-Punkt zu, oder können drohende Exzesse durch kluge Information rechtzeitig eingehegt werden?
Soziologische Studien (Robert K. Merton) trauen den Mechanismen der Self-fullfilling versus Self-defeating prophecy die nötige Regulierungskraft zu; doch die narratologische Wurzel des Begriffs im Mythos (D.L. Sayers) stellt die Frage anders: Hat der Mensch angesichts einer schicksalhaften Vorhersage überhaupt die nötigen Handlungsspielräume? Wie verhält sich Freiheit zum Fatum?
Das Muster des Ödipus-Topos lässt dem Individuum keine Chance; die Erzählung der Odyssee bringt hingegen den Faktor Fortuna ins Spiel, als blinden Zufall oder aber als kluge List, die dem Helden entgegen der Vorhersage und gegen alles Verhängnis die Heimkehr ermöglicht.
Es ist ein anderes Ithaka, das Odysseus nach langer Irrfahrt erreicht, und er muss mit den veränderten Verhältnissen erst wieder zurechtkommen: Er legt die Zukunft seiner Insel in die Hände der nächsten Generation, seines Sohnes und Nachfolgers Telemachos, bricht wieder auf und folgt seiner Bestimmung, Fatum und Fortuna. Das Leitmotiv der Odyssee ist die „Nostalgie“: Das Bild des Wanderns über die Meere auf der Suche nach dem sicheren Hafen ist eine der wirkmächtigsten Chiffren der abendländischen Kultur.
Was aber, wenn die vertraute Heimat selbst verloren geht?
An „Solastalgie“ (Glenn Albrecht) wäre der antike Held wohl verzweifelt: Ithaka ist kein Ort mehr, weder als Ziel, noch als Aufbruch zu neuen Ufern, Ithaka gibt es nicht mehr.
Greift nun im Wechselspiel mythologischer Muster wieder die Erzählung von Ödipus, der stets die Wahrheit will und ihr schicksalhaft zum Opfer fällt?
Das letzte Wort hat das Rätsel der Sphinx: Wer es löst, bricht die Härte des Fluchs. Der Preis der Rettung ist ambig: Self-fulling oder self-defeating prophecy?