16.09.2025 , David Hofmann
Vom Misstrauen zum Vertrauen: Wie der Journalismus die Demokratie stärken kann

Swen Reichhold/Universität Leipzig

Uwe Krüger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig und Forschungskoordinator des dortigen Zentrums Journalismus und Demokratie. Er volontierte bei der „Leipziger Volkszeitung“ und arbeitete als Redakteur beim Medien-Fachmagazin „Message“. Für seine Bücher „Mainstream – Warum wir den Medien nicht mehr trauen“ und „Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten“ erhielt er 2016 den Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik der Initiative Nachrichtenaufklärung. Jüngste Buchveröffentlichung: „Von Lügenpresse und abgehobenen Eliten: Journalismus- und Demokratievertrauen in Sachsen“ (mit J. Kretzschmar, M. Beiler und F. Döring, transcript Verlag 2025, Open Access). Er ist Mitgründer des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft (KriKoWi).

Uwe Krüger im Gespräch mit David Hofmann

David Hofmann: Herr Krüger, wie steht es derzeit um das Vertrauen der Menschen in die Medien?

Uwe Krüger: Weniger als die Hälfte vertraut den Nachrichten. In Deutschland sind es laut dem Reuters Digital News Report 45 Prozent, in Österreich 41 und in Italien nur 36 Prozent. Das ist problematisch, da Medien das Bindeglied zwischen Bevölkerung und Politik sein sollen. Ohne Vertrauen wird dieses wichtige demokratische Scharnier beschädigt.

DH: Warum ist das Vertrauen so gering? Gab es historische Verschlechterungen, etwa durch die Corona-Pandemie?

UK: Die Datenlage ist widersprüchlich. Laut Reuters Report sank das Vertrauen in Deutschland seit 2015 von etwa 60% auf etwa 40% ab. Die “Langzeitstudie Medienvertrauen“ der Uni Mainz zeigt dagegen stabile bis leicht steigende Werte über denselben Zeitraum. Beide Studien zeigen einen kurzzeitigen Anstieg des Vertrauens im ersten Jahr der Corona-Pandemie – anfangs suchten offenbar Viele verlässliche Informationen und griffen dabei auf die etablierten Medien zurück. Eindeutig ist: Von einem kontinuierlichen Vertrauensverlust in Deutschland kann man nicht sprechen. In Sachsen jedoch zeigen unsere eigenen Studien, dass die Pandemie das Misstrauen gegenüber den Medien verstärkt hat: Viele empfanden die Berichterstattung als einseitig, moralisierend und diffamierend gegenüber Kritikern der Maßnahmen. In Sachsen ist allerdings das Grundmisstrauen hoch, auch in Politik und Demokratie – und die Corona-Impfquote ist die niedrigste in ganz Deutschland.

DH: Welche Rolle spielen alternative und soziale Medien beim Misstrauen gegenüber herkömmlichen Medien?

UK: Im vergangenen Jahrzehnt haben Alternativmedien im Netz stark an Reichweite und Bedeutung gewonnen. Sie bieten täglich Gegennarrative und erreichen auch Menschen, die sie gar nicht direkt konsumieren – über Diskussionen im Bekanntenkreis zum Beispiel. Hinzu kommt gezielte Desinformation, etwa durch Russia Today, ein staatlich finanziertes, internationales Mediennetzwerk aus Russland. Ein ehemaliger Student von mir, Robert Putzbach, hat in seiner Masterarbeit inhaltsanalytisch herausgefunden, dass RT in Deutschland die Pandemie verharmloste und die Maßnahmen als überzogen und nachteilig darstellte, während dasselbe Medienhaus in Russland vor der Pandemie warnte und die Einhaltung der Maßnahmen der russischen Regierung, die den deutschen Maßnahmen recht ähnlich waren, anmahnte. Auf der anderen Seite haben deutsche Alternativmedien auch exklusive Informationen beschafft zu Fragen, die große Medien gar nicht interessiert hatten, und zum Beispiel hartnäckig zur Frage der Abhängigkeit des Robert-Koch-Instituts von der Politik recherchiert. Das zeigt, dass blinde Flecken im Mainstream das Vertrauen zusätzlich schwächen können.

DH: Manche werfen den Medien vor, Sprachrohr der Mächtigen zu sein. Ist dieser Vorwurf berechtigt?

UK: Ein Teil der Bevölkerung sieht das so: Rund ein Viertel aller Deutschen meint, Medien seien Sprachrohre der Eliten. Empirisch von „Propaganda“ zu sprechen, halte ich für überzogen. Was aber stimmt: Leitmedien sind stark auf Machtzentren fokussiert. Man geht davon aus, dass der Diskurs, der dort passiert, einen hohen Nachrichtenwert besitzt und bildet ihn daher verstärkt und detailliert ab. Es liegt also eher an der Eigenlogik von Medien, die auch mit Absatzsicherung zu tun hat und dem Streben nach preiswerten Inhalten aus hochrangigen Quellen, als dass es mit bewusster Manipulation zu tun hat. Diese Elitenorientierung führt zu blinden Flecken – Themen oder Perspektiven außerhalb des Elitendiskurses werden in Folge eher vernachlässigt. Wer sich dort nicht repräsentiert fühlt, kann das Vertrauen hinsichtlich einer objektiven Berichterstattung verlieren.

DH: Was können Journalistinnen und Journalisten tun, um Vertrauen zurückzugewinnen?

UK: Mehr Offenheit und Vielfalt in der Recherche, weniger moralischer Druck. Bei Corona beispielsweise wurden Unsicherheiten vorschnell als gesichert dargestellt, etwa bei der Laborthese zum Virusursprung. Außerdem sollten Medien stärker die Perspektiven von Betroffenen einbinden und sich weniger am Elitendiskurs orientieren. Wichtig ist auch, Ressourcen in investigative Recherchen zu stecken.

DH: Mehr Vielfalt, mehr Seiten zu Wort kommen lassen hört sich auf den ersten Blick gut an, aber wie lässt sich dabei die „False Balance“ vermeiden, die gerade in der Klimaberichterstattung ein Problem darstellte?

UK: Falschinformationen dürfen keinen Platz haben. Aber es geht eben nicht nur um Fakten, sondern um unterschiedliche Wertvorstellungen. Hier braucht es Vielfalt, um damit sicherzustellen, dass der Großteil der Bevölkerung sich in den Medien wiederfindet. Medien sollten verschiedene Interessen und Haltungen abbilden – etwa die Sorge vor sozial ungleichen Lasten der ökologischen Transformation, der Wunsch nach dem Bewahren von Lebensstil und Konsumfreiheiten oder einfach Transformationsmüdigkeit. Reaktanz entsteht, wenn Berichterstattung zu einseitig oder moralisierend wirkt. Fakten müssen gesichert sein, aber die Kommentierung dieser Fakten und die politischen Konsequenzen aus diesen Fakten, das muss plural bleiben. Journalistinnen und Journalisten sollten sich stets fragen, ob ihre Berichterstattung unbeabsichtigt moralischen Druck auf das Publikum ausübt. Statt eine bestimmte Politik aktiv befördern zu wollen, sollten sie in einer distanzierten Beobachterrolle bleiben. Heute entsteht jedoch oft der Eindruck, Medien handelten als Akteure, die Menschen erziehen oder in eine bestimmte Richtung lenken wollen anstelle einer möglichst objektiven Berichterstattung zu produzieren. Diesen Eindruck gilt es ernst zu nehmen und zu prüfen, wie man ihn reduzieren kann. 

DH: Welche Rolle spielt dabei konstruktiver Journalismus? Gerade ihm wird oft vorgeworfen, weniger objektiv zu sein.

UK: Ich halte viel vom konstruktiven Journalismus. Die Grundidee ist, den Blick bewusst von den politischen und ökonomischen Machtzentren und etablierten Strukturen wegzulenken und stattdessen auf Nischen und Innovationen zu richten: Welche Lösungsansätze werden von wem ausprobiert? Wie wirken sie? Was kann man daraus lernen, und sind diese Ansätze übertragbar? Der Fokus liegt also nicht auf PR, sondern auf gründlicher Recherche, die neue gesellschaftliche Entwicklungen, Optionen und Alternativen sichtbar macht. Wichtig ist dabei: Das journalistische Handwerk bleibt unverändert – auch konstruktiver Journalismus basiert auf sorgfältiger Recherche, Faktenprüfung und Kontextualisierung. Er ist kein Meinungsjournalismus, sondern eigentlich nur eine andere Form der Themenauswahl. Natürlich fließt dabei eine gewisse Sympathie in die Auswahl ein, aber das gilt grundsätzlich für jede journalistische Entscheidung. Völlige Objektivität gibt es nicht; jeder Beitrag konstruiert Wirklichkeit durch Auswahl und Gewichtung. Entscheidend ist deshalb die Vielfalt im Mediensystem. In der Praxis handelt konstruktiver Journalismus häufig von Nachhaltigkeit und öko-sozialen Innovation, was ihn für progressive oder grün orientierte Medien attraktiv macht. Aber es gibt auch das liberal-konservative Magazin Frankfurter Allgemeine Quarterly, das auch Technik- und Lifestyle-Fragen in einem konstruktiven Rahmen behandelt.

DH: Wir haben nun gehört, was Medienschaffende tun können, um die Lage zu verbessern. Was aber können wir als Gesellschaft tun, um guten Journalismus zu stärken?

UK: Qualität braucht Ressourcen. Abos und Rundfunkbeiträge sichern die materielle Basis. Ebenso wichtig ist Anerkennung: Lob und Wertschätzung sollten Redaktionen genauso erreichen wie Kritik – also auch mal einen Leserbrief schreiben, wenn man einen Beitrag besonders gut findet. Das stärkt die Motivation und signalisiert, dass Vertrauen vorhanden ist.