
Virginia Padovese arbeitet bei NewsGuard als Managing Editor und Senior Vice President Partnership für Europa, Australien und Neuseeland. Geboren in Italien, schloss sie 2004 ihr Studium der Kommunikationswissenschaften an der Universität Triest ab. Nach einem Praktikum im Pressebüro des Verlags Mondadori Electa in Mailand zog sie nach Australien, wo sie zehn Jahre lang als Radiojournalistin und Digital Producer für das italienische Programm des multikulturellen und mehrsprachigen Senders SBS (Special Broadcasting Service) arbeitete. 2018 zog sie nach New York und begann bei NewsGuard im Bereich Desinformation zu arbeiten. Sie hielt Vorträge über Desinformation an verschiedenen Universitäten, darunter La Sapienza in Rom, die Universität Padua und die Journalistenschule in Urbino.
Virginia Padovese im Gespräch mit David Hofmann
David Hofmann: Frau Padovese, können Sie kurz erklären, was NewsGuard ist und welche Aufgabe die Organisation erfüllt?
Virginia Padovese: NewsGuard wurde 2018 von zwei US-amerikanischen Journalisten, Steven Brill und Gordon Crovitz, gegründet. Ziel war es, zur Bekämpfung von Desinformation beizutragen – nicht indem man, wie klassische Fact-Checker, die Richtigkeit einzelner Nachrichten überprüft, sondern indem man die Informationsquellen analysiert. Wir bewerten Nachrichtenseiten anhand journalistischer, unpolitischer Kriterien wie Transparenz und Glaubwürdigkeit, um ihren Zuverlässigkeitsgrad festzustellen. Zum Beispiel prüfen wir, ob eine Seite Quellen angibt, ob sie Fehler korrigiert und diese transparent kommuniziert, ob sie Nachrichten klar von Meinungen trennt, ob sie irreführende Überschriften verwendet, ob sie Eigentums- und Finanzierungsstrukturen offenlegt, Verantwortliche und Autoren benennt und gesponserte Inhalte klar kennzeichnet. All diese international anerkannten Kriterien wenden unsere Analysten streng an.
Heute arbeitet NewsGuard nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, Australien, Kanada und Neuseeland. Mit der Zeit haben wir unsere Tätigkeiten erweitert: Neben der Quellenbewertung analysieren wir auch einzelne Aussagen online, veröffentlichen wöchentliche Reports über Desinformationstrends und identifizieren neue Narrative. Zudem führen wir Medienkompetenz-Projekte durch, um Schulen, Bibliotheken und Nutzerinnen und Nutzer beim bewussten Umgang mit Informationen im Netz zu unterstützen.
DH: Ihr richtet euch also in erster Linie an ein breites Publikum, das sich über die Qualität bestimmter Medien informieren möchte?
VP: Genau, aber unsere Arbeit hat zwei Seiten. Einerseits richten wir uns direkt an die Nutzer und wollen ihr Bewusstsein für den Umgang mit Informationen stärken. Andererseits stellen wir unsere Daten auch sehr unterschiedlichen Akteuren zur Verfügung: Universitäten, die Desinformation erforschen; staatliche Stellen, die ausländische Propaganda beobachten; KI-Unternehmen, die zuverlässige Daten für das Training ihrer Modelle benötigen; oder Werbeagenturen, die ihre Kunden davor schützen wollen, Anzeigen auf Seiten zu platzieren, die mit Desinformation Geld verdienen.
Es gibt also eine eher „not for profit“-orientierte Seite und eine kommerzielle, die das finanzielle Fundament unserer Arbeit sichert. Die Einnahmen stammen aus der Bereitstellung unserer Daten an diese professionellen Nutzer.
DH: Kommen wir zum Thema Künstliche Intelligenz. Immer mehr Menschen nutzen Chatbots, um Informationen zu suchen. Es ist einfach bequemer, eine Frage direkt an einen Bot zu stellen, als eine klassische Websuche zu machen. Können wir den Antworten dieser Systeme trauen?
VP: Das ist ein hochaktuelles und viel diskutiertes Thema. KI hat enorme Möglichkeiten eröffnet, birgt aber ebenso große Risiken. Heute werden Chatbots häufig wie Suchmaschinen verwendet und verändern die Art, wie Menschen Nachrichten konsumieren: Statt eine Frage bei Google einzugeben, stellen wir sie direkt einem Bot. Der Unterschied: Eine Suchmaschine liefert uns viele Quellen, die wir vergleichen können, ein Bot gibt uns nur eine Antwort. Damit geht die Möglichkeit verloren, selbst zu wählen und abzuwägen.
Zudem hat KI die Produktion von Texten, Bildern und Videos extrem vereinfacht – das gilt auch für Desinformationsakteure. Fast ohne Kosten können heute riesige Mengen täuschend echter, aber falscher Inhalte erstellt werden.
Seit über einem Jahr testet NewsGuard jeden Monat die zehn am weitesten verbreiteten Chatbots und untersucht, wie oft sie auf aktuelle Ereignisse mit falschen Inhalten reagieren. Wir haben Daten über zwölf Monate gesammelt und vor wenigen Wochen einen Jahresreport veröffentlicht. Die Ergebnisse sind leider beunruhigend: Im August 2024 gaben die Bots in 18 % der Fälle Desinformation wieder, im August 2025 lag der Anteil bereits bei 35 %. Gleichzeitig ist der Anteil der „Nicht-Antworten“, also der Fälle, in denen ein Bot erklärte, nicht helfen zu können, von 31 % auf 0 % gesunken. Mit der Einführung von Echtzeit-Websuchen liefern die Bots nun immer eine Antwort – allerdings steigt dadurch die Wahrscheinlichkeit, dass diese fehlerhaft ist. Da sie auf ein oft verunreinigtes Informationsökosystem zugreifen, greifen sie auch auf unzuverlässige Quellen zurück.
DH: Manche Bots geben Quellenlinks an. Ist das nicht eine zusätzliche Garantie?
VP: Das kommt darauf an. Manche nennen gar keine Quellen, andere schon – aber oft verweisen sie auf fragwürdige Seiten, etwa Propagandaportale. Es gibt ein Netzwerk von Hunderten Seiten, die mit dem Kreml verbunden sind und in vielen Sprachen massenhaft falsche Informationen veröffentlichen. Das Ziel ist nicht, Leser zu erreichen, sondern die Datensätze der Bots zu verunreinigen und damit ihre Antworten zu beeinflussen. In unseren Tests haben wir festgestellt, dass Bots in Antworten zu aktuellen Themen genau solche Seiten zitiert haben.
DH: Und wir wissen nicht, wie die Quellen ausgewählt werden – es fehlt an Transparenz in den Algorithmen.
VP: Das ist ein weiterer kritischer Punkt. Die großen Tech-Unternehmen legen nie vollständig offen, wie ihre Systeme funktionieren. Das schafft Misstrauen, weil wir nicht wissen, nach welchen Kriterien Bots Quellen auswählen oder Antworten generieren.
DH: Welche Lösungen sehen Sie, um diese Risiken einzudämmen?
VP: Beim Training der Bots müssen zwei Faktoren beachtet werden. Erstens: die Zuverlässigkeit der Quellen. Eine bekannte Desinformationsseite darf nicht das gleiche Gewicht haben wie eine seriöse, transparent arbeitende Redaktion. Zweitens: Es braucht sogenannte Guardrails, also Schutzmechanismen, die es dem Bot ermöglichen, bekannte Falschmeldungen zu erkennen. Wenn ein Nutzer eine Fake News wiederholen lässt, sollte der Bot klar sagen, dass diese Information falsch ist, und erklären, warum. Ohne solche Korrekturen riskieren wir, dass die Bots zu Verstärkern von Desinformation werden.
DH: Gibt es auf politisch-institutioneller Ebene bereits Maßnahmen, die Transparenz schaffen oder KI regulieren sollen?
VP: Ja, in Europa gibt es verschiedene Regulierungen, etwa den Digital Services Act oder den AI Act. Sie richten sich vor allem an Plattformen und Technologieunternehmen, um sie stärker in die Verantwortung zu nehmen und konkrete, wirksame Maßnahmen gegen Desinformation und schädliche Inhalte einzufordern. Als Bürger*innen können wir hoffen, dass diese Regelungen ernsthaft umgesetzt werden – und wir können Druck auf unsere Vertreter ausüben, damit sie mehr Transparenz und Schutz für die Nutzer einfordern.
DH: Haben Sie noch weitere Ratschläge für uns Nutzer – was können wir konkret tun?
VP: Das Wichtigste ist Bildung, und zwar möglichst früh. Schon in der Grundschule sollte kritisches Denken gefördert werden. Kinder lernen schnell, neue Tools zu bedienen, aber nicht unbedingt, sie reflektiert zu nutzen. Wir müssen die Fähigkeit entwickeln, Quellen zu prüfen und Informationen zu vergleichen.
Und wir dürfen uns nicht automatisch auf alles verlassen, was wir online sehen, hören oder lesen: Ein Bild ist nicht immer ein Abbild der Realität – es kann von KI generiert oder manipuliert sein. Dasselbe gilt für Audio und Video. Deshalb: prüfen, vergleichen, auf verlässliche Quellen achten. Und wenn die Zweifel zu groß sind, Fachleute hinzuziehen – so machen es auch unsere Analysten bei verdächtigen Inhalten, deren Manipulation nicht sofort erkennbar ist. Das braucht Zeit und Aufmerksamkeit, ist aber der einzige Schutz, den wir haben.
DH: Laufen wir nicht Gefahr, dass wir am Ende nur noch dem trauen, was wir mit eigenen Augen sehen?
VP: Ja, das Bedürfnis nach direkter Erfahrung nimmt zu. Aber ich bin überzeugt, dass Qualitätsjournalismus weiterhin zentral bleibt. Entscheidend ist Transparenz: Redaktionen müssen ihre Arbeitsweisen offenlegen, Quellen nennen und erklären, wann und wie sie KI nutzen. Wenn eine Redaktion klare Standards einhält und verantwortungsvoll arbeitet, können Leser ihr weiterhin vertrauen. Vertrauen bedeutet letztlich, zu wissen, dass diejenigen, die uns informieren, transparent und verantwortungsbewusst handeln.